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Muttertagsgrüße aus dem Lazarett

Erich Haller (geb. 03.07.1921 in Hörden gefallen am 07.01.1945 in Frankreich, Mückenthaler Ferme bei Philippsbourg, beerdigt in Blieskastel (Quelle: Hans Harald Huber)

Musikalische Grüße zum Muttertag

Wiesbaden, im Frühjahr 1943: Es ist ein ganz besonderer Tag in diesem Kriegsfrühling es ist Muttertag. Und Luise Haller, Mutter dreier Söhne und einer Tochter, freut sich unermesslich, als sie vom Deutschen Roten Kreuz einen sprechenden, singenden, klingenden Feldpostbrief überbracht bekommt. An ihrem Ehrentag spielt Sohn Erich für sie im provisorischen Tonstudio im Linzer Kriegslazarett zwei Klavierstücke, eines davon stammte vom bekannten deutsch-österreichischen Filmmusikkomponisten Peter Kreuder. Von dem alten Grammophon in der guten Stube tönen die Stimme, der Gesang und die Musik ihres Sohnes, der in Kürze nach Hause kommen würde, um sich von seinen Kriegsverletzungen genesen zu können.
Achtung, Achtung! Hier ist der sprechende, singende, klingende Feldpostbrief des Präsidiums des Deutschen Roten Kreuzes. Am Mikrofon spricht heute, am 30. März 1943, aus dem Lazarett C in Linz an der Donau der Leutnant Erich Haller an seine liebe Mutter in Wiesbaden, Mainzer Straße 88. Bitte, Herr Leutnant.
Hallo, hallo. Jawohl ich bin hier. Ja, tatsächlich. Das Deutsche Rote Kreuz fängt unsere Stimmen ein, um Euch in der Heimat und uns hier im Lazarett eine Freude zu bereiten. Es geht mir ausgezeichnet. Das werdet Ihr daran sehen, dass ich Euch gleich auf dem Klavier etwas vorspiele. Außerdem kann ich Euch heute schon verraten, am kommenden Freitag komme ich auf vier Wochen Urlaub nachhause. Bis dahin, seid recht herzlich gegrüßt, Euer Erich. Gleichzeitig, meine liebe Mutter, übermittele ich Dir zum Muttertag recht herzliche Grüße.
Jetzt, der Herr Leutnant, ein Stückchenspiel auf dem Klavier. Und ein weiteres Lied . . . Jetzt, lieber Herr Leutnant, Peter Kreuder. Die 78er Plattenaufnahme verabschiedet sich aus dem Lazarett mit dem berühmten Lied Friedrich Silchers mit dem ominösen Versprechen: in der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn. Im Laufe des Krieges wird Erich sechs Mal verwundet. Fronturlaub ist angesagt. Es schellt dann nicht wie erwartet an der Türklingel, sondern ganz plötzlich im Wohnzimmer, am Klavier. Erich, der die Feldpost an seine Mutter mit Dein Flegel unterschreibt, schleicht unbemerkt durch das offene Wohnzimmerfenster, um seine Mutter und Schwester freudig zu überraschen.
Auch Erichs ältere Brüder Hermann (1941 in Russland im Alter von 21 gefallen) und Franz (1942 in der Ukraine im Alter von 26 gefallen) spielten früher mit großer Begeisterung und beachtlichem Talent neben Geige und Akkordeon auf dem Klavier. Doch die Brüder bevorzugten eher klassische Kompositionen, beispielsweise Chopin. Der Pilot Franz nahm sogar zur Aufheiterung seiner Kameradschaft einmal ein Klavier im seinem Flieger mit. Aber an einem düsteren kalten Tag im Januar 1945 ging für Luise, Erichs Mutter, die Welt unter, als sie erfahren muss, das nun auch ihr letzter Sohn in Frankreich gefallen ist. Auf den Boden wälzend, verflucht die 63-jährige Witwe lautstark den Schweinehund in Berlin die Tochter musste sie zügig fest umarmen und sofort beruhigen. Denn was ist, wenn der Nachbar von nebenan das hört , warnte sie traurig und verängstigt.
Alles, was heute noch von Erich geblieben ist, sind einige Bilder, seine Stimme auf der Schallplatte und das Klavier. Nur zwei Monate später kommen amerikanische Soldaten an dem Haus in der Mainzer Straße vorbei. Hubers Mutter wundert sich, wie die Oma mit einem Yankee Englisch spricht. Die Oma erzählt dem G.I. über friedlichere Zeiten in Brooklyn, wo sie als Kindermädchen bei einer wohlhabenden deutsch-amerikanischen Familie arbeitete. Vielleicht hätte sie damals doch in Amerika bleiben sollen. Das ganze Geld, das sie mühsam gespart hatte, ging sowieso mit der Inflation verloren. Und jetzt der unerträgliche Verlust der drei Söhne. Nun brachte das Klavier im Wohnzimmer auch keine Freude mehr und so bewahrte man es vorübergehend dort auf, wo an insgesamt 66 Tagen (bzw. Nächten) Bombenangriffe überstanden wurden. Im Keller des Hauses harrt das Klavier fünf Jahrzehnte aus bis das 1913 vom Klavierbauer Uebel & Lechleiter gebaute Instrument schließlich im Jahre 2000 sein neues Zuhause fand: In Bad Bevensen, bei dem Urenkel Luise Hallers: Hans Harald Huber.

(Quelle: Hans Harald Huber)

Auch wenn sich sein einstiger Klang nie wieder herstellen ließ, diente es noch einem guten Zweck mit Unterstützung der Bad Bevenser Musikschule verhalf es Hubers Sohn, dem Ururenkel Luise Hallers, im Jahre 2003 zu einem ersten Preis beim Musikwettbewerb Jugend musiziert . Heute ist das Klavier 100 Jahre alt, Erich, der Klavierspieler von damals wäre 91 er wurde nur 23.

Die DRK-Tonaufnahme von 1943, die seit Muttertag 2013 auf dieser Website (leider in sehr schlechter Tonqualität) zu hören ist, spielte Huber während seiner Zeit als Englischlehrer in der Donaustadt Linz im Jahre 1987 den Kreuzschwestern am Originalstandort in der Stockhofstraße vor. Eine der Schwestern konnte sich sogar noch an die Arbeit des DRK im Lazarett, vormals Kreuzschwesternschule, erinnern. Hier waren am 5. Mai 1945 etwa 1.000 Personen, teilweise in Notbetten auf den Gängen untergebracht. Im Zeitraum von April 1940 bis zum September 1945 wurden insgesamt 39.266 Patienten von Militärärzten, Sanitätern, Kreuz-und DRK-Schwestern betreut.

(Quelle: Hans Harald Huber)

(Quelle: Hans Harald Huber)